Die neurologische Entwicklung beginnt im Mutterleib

“Ungeborene sind keine passiven Passagiere im Mutterleib – heute sind sich Neurowissenschaft und pränatale Psychologie einig, dass die neurologische Entwicklung schon mit der Empfängnis beginnt und dass auch die Zeit im Mutterleib grossen Einfluss hat auf die Art und Weise, wie wir unser Leben bewältigen. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass Mutter und Embryo intensiv miteinander kommunizieren. Wenn die Mutter unter Stress steht, wirken Botenstoffe aus ihrem Körper direkt auf das Gehirn des Embryos ein, bestätigt der Hirnforscher Gerhard Roth. Auch die Stressachse wird schon im Mutterleib „programmiert“, wie Versuche belegen: Ist der Fötus zu oft oder übermässig unter Druck, kann das Zusammenspiel zwischen neurologischen, hormonellen und immunologischen Strukturen dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten. Aber auch pränatale Untersuchungen oder das Gefühl, nicht willkommen zu sein, können traumatisierend wirken. Vorgeburtlich traumatisierte Kinder, so zeigen Untersuchungen, sind erregbarer und können ihr Verhalten schlechter regulieren. Bei älteren Kindern und Erwachsenen sind Symptome wie Lernstörungen , Ängste, Phobien, depressive Störungen möglich – eigentlich die ganze Palette psychischer Störungen, sagt der Basler Psychiater Peter Schindler. Immer wenn wir mit unerklärlich heftigen Gefühlen reagieren oder in den gleichen negativen Verhaltensmustern stecken bleiben, können vorgeburtliche oder schwierige Geburtserlebnisse im Spiel sein. Situationen, in denen unsere Psyche noch ungeschützt war. Derart frühe Verletzungen sind mit Worten kaum erreichbar.“
(Tages Anzeiger, Zürich, 29.12.2009)